Drift sich gut
Der Film „Die Evolution des Driftwinkels" ist das
Meisterwerk des Wiener Dokumentarfilmers Helmut Deimel. Eine amüsante und
emotionale Reise durch 50 Jahre Rallyegeschichte.
Ein bisschen Wiener Schmäh muss sein. „Helmut Deimel war der
Zorro des Achtmillimeterfilms", urteilt Herbert Völker über das Frühwerk
seines Freundes und Weggefährten. Völker, Journalist und Autor unzähliger
Rallyebücher, berichtet höchst anschaulich darüber, wie sich die österreichische Drifter-Szene Mitte der siebziger Jahre regelmäßig im Haus
des Rallyefahrers Franz Wittmann traf, um sich nach ausgiebigen Mahlzeiten und
einigen Adlitzbeeren-Schnäpsen an den Streifen des Jungfilmers Deimel zu
ergötzen.
„Es waren monströse Räder, die er drohend in den zierlichen
Projektionsapparat spannte", erinnert sich Völker, Die Dramaturgie der
Filme ließ jedoch zu wünschen übrig.
Völker: „Die Starterfelder müssen damals viel größer als
heute gewesen sein. Deimel filmte 1000 Autos bei der Abnahme, 1000 Autos auf
der Startrampe, 1000 Autos in der ersten langgezogenen Kurve: Ich klinkte mich
beim zweiten Auto aus dem fesselnden Geschehen aus und erwachte viele Stunden
später durch den frenetischen Beifall."
Knapp drei Jahrzehnte später beweist Deimel mit seinem 90
Minuten langen Video „Die Evolution des Driftwinkels", dass er inzwischen
zu einem Spielberg des Rallyefilms und zu einem Maestro des rasanten Schnitts
gereift ist: Wenn Walter Röhrl, Björn Waldegaard, Stig Blomqvist, Markku Alen
und Konsorten loslegen, schläft niemand mehr ein.
Deimel, der Videokameras verabscheut und seiner
16-Millimeter-Arriflex seit Jahr und Tag die Treue hält, schafft es, Emotionen
zu wecken: Man merkt in jeder Sekunde, dass er den Rallyesport und dessen Fans
liebt - auch wenn er sich zu seinem Bedauern der Szene in den letzten Jahren
etwas entfremdet hat.
Ihm lässt sein Auftrag als Mercedes-Motorsport-Filmer kaum
noch Zeit, sich persönlich auf den Sonderprüfungen der Welt von der Güte der
Driftwinkel der jungen Garde zu überzeugen. Deimels Film ist eine höchst
kurzweilige Lehrstunde in Rallyeschichte.
Aus den betulichen Orientierungsfahrten der fünfziger Jahre
entwickelten sich alsbald richtige
Vollgas-Events, bei denen der Stachel rauskam. Minis lernten das Fliegen, die
rundlichen Saab 96 die gekonnte Rolle seitwärts.
Brave Großserien-Limousinen vom Schlage eines Citroen DS 23
oder eines Peugeot 404 gingen auf den Kriegspfad. Die blauen Reiter der
Renault-Alpine-Werksequipe gewannen jahrelang beinahe nach Belieben, aber nur
so lange, bis der Lancia Stratos kam, das erste Auto, das nur dazu gebaut
wurde, bei Rallyes zu siegen.
Eine zentrale Rolle nimmt die optisch und vor allem
akustisch wohl aufregendste Ära des Rallyesports ein, die
Zeit des süßen Wahnsinns der Gruppe B-Boliden ä la Peugeot
205 Turbo 16, Lancia Delta S4 oder Audi Quattro. Den Höllenritt von Walter
Röhrl durch die von Menschenmauern gesäumte Sonderprüfung Arganil bei der
Portugal-Rallye 1986 hielt Deimel mit verschiedenen On-board-Kameras fest:
Röhrls Stepptanz erscheint auch 15 Jahre später noch unglaublich. Ein Oscar
gebührt dem Deimel-Film auch für die sorgfältige Unterlegung der Bilder mit dem
richtigen Ton: Das sechszylindrige Bellen der Porsche, das grimmige Ansaugröcheln
der Escort, der helle Klang der Audi-Fünfzylinder, begleitet vom fröhlichen
Zwitschern des Waste-gate: Wer auch nur einen Tropfen Benzin im Blut hat, dem
jagen bei solchem Ohrenschmaus Schauer der Wonne den Rücken hinab.
Text: Claus Mühlberger Fotos: McKlein, Wolfgang Wilhelm
Meilensteine der Rallyegeschichte: Boyes im Ford 1957, Thirier im Renault Alpine 1973, Munari
im Lancia Stratos 1976, Röhrl 1979 im Fiat 131, Mikkola 1986 im Audi Sport
Quattro, Saby 1986 im Peugeot 205 Turbo 16
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